Die Suche nach dem idealen Schlafmittel ist durch zahlreiche Rückschläge gekennzeichnet. Gaboxadol, Eplivanserin und EVT201 sind nur einige davon. Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Goethe-Universität in Frankfurt stellte in der Pharmaworld auf der Expopharm in Düsseldorf den Orexin-Rezeptorantagonisten Suvorexant als einen neuen Hoffnungsträger vor – aber auch der scheint nicht ideal zu sein.

„Etwa 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung ist von Schlafstörungen betroffen“, sagte der pharmazeutische Chemiker. Rund ein Drittel habe eine Dauertherapie, wobei hier sowohl medikamentöse als auch auch nicht medikamentöse Maßnahmen inbegriffen sind. Viele Patienten seien jedoch mit ihrer Therapie unzufrieden. Der Bedarf an innovativen und sicheren Substanzen sei daher groß, sagte Schubert-Zsilavecz.

Die Anforderungen an ein ideales Schlafmittel sind hoch. Sie reichen von einem spezifischen Wirkmechanismus über große therapeutische Breite, keine Toxizität, keinen Rebound, keinen Einfluss auf die Schlafarchitektur bis über keine Toleranz- oder Abhängigkeit. Als Hoffnungsträger bezeichnete Schubert-Zsilavecz den in den USA zugelassenen dualen Orexin-Rezeptorantagonisten Suvorexant (Belsomra®), der in einer Phase-III-Studie beeindruckende Ergebnisse zur Wirksamkeit und Verträglichkeit gezeigt habe. Allerdings zeichne sich inzwischen ab, dass der neue Wirkstoff zu Tagesmüdigkeit und Suizidgedanken führe. „Das muss man sehr gut im Auge behalten“, sagte Schubert-Szilavecz.

Medikamentöse Maßnahmen dürfen der S3-Leitlinie „Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen“ zufolge auch erst zum Einsatz kommen, wenn alle nicht medikamentösen ausgeschöpft sind. „Ein strukturierter Dialog ist allerdings für den Arzt sehr zeitaufwendig“, gab Schubert-Zsilavecz zu bedenken Zur Pharmakotherapie stehen Benzodiazepine, Z-Substanzen, sedierende Antidepressiva sowie Melatonin zur Verfügung. Benzodiazepine seien im kurzfristigen Gebrauch (3 bis 4 Wochen) empfehlenswert. „Für eine generelle Empfehlung in der Langzeitanwendung gibt es keine Evidenz“, betonte Schubert-Zsilavecz. Das unterstrich auch Professor Dr. Hans-Jürgen Müller, München, in einer anschließenden Podiumsdiskussion. Der Psychiater warnte zugleich vor einer allgemeinen Verteufelung der Benzodiazepine. „Es gibt eine kleine Gruppe, vor allem ältere Menschen, denen man Benzodiazepine auch als Langzeittherapie nicht vorenthalten darf.“ Solche begründeten Einzelfälle müsse man als Arzt jedoch sehr gut dokumentieren.
Bei der Verordnung und Anwendung von Benzodiazepine muss die 4-K-Regel beachtet werden: klare Indikation, kleinste Packung, kein abruptes Absetzen und kurze Anwendung. Wichtig für die Beratung: Die Einnahme sollte unmittelbar vor dem Schlafengehen erfolgen, um die Sturzgefahr zu minimieren. Zudem sollte der Kunde auf die Gefahr eines Hangover-Effekts hingewiesen werden.

Gleich wirksam wie die klassischen Benzodoazepine seien die Z-Substanzen seien und auch sie dürften nur kurzfristig eingesetzt werden. Auch eine Kurzzeitbehandlung mit sedierenden Antidepressiva sei effektiv, wobei auf die Kontraindikationen zu achten ist, so der Referent. Hingegen nicht geeignet für die Therapie von Schlafstörungen sind Antipsychotika: „Das ist großer therapeutischer Unfug.“ Melatonin spiele in Europa eine untergeordnete Rolle. Es wird in der Leitlinie wegen geringer Wirksamkeit nicht generell empfohlen. Anders sehe es beim Einsatz von Jet Lag aus, wozu es aber auch solide klinische Daten gebe.

Auf den hohen Beratungsbedarf bei den nicht rezeptpflichtigen Therapieoptionen bei Schlafstörungen ging Apothekerin Dr. Miriam Ude, Darmstadt, im Interview mit PZ-Chefredakteur Professor Dr. Theo Dingermann ein.

Erschienen auf www.pharmazeutische-zeitung.de am 26.09.2019 von Kerstin A. Gräfe